Gelangweilt schaue ich auf das Blatt, das vor mir liegt. Ich starre so lange, bis die Wörter zu einem unscharfen Wirrwarr verschwimmen. Dann richte ich meinen Blick wieder nach vorne.
'Come on, you all can do this!', sagt mein Englischlehrer gerade und verzieht dabei verzweifelt das Gesicht. Ich blicke durch den Raum, stelle fest dass alle anderen 29 Schüler genauso wenig Lust haben zu antworten. Ich zeige auf, sage etwas total unbedeutendes.
'Yes, exactly! You're completely right, very good!' Ich bin ein wenig überrascht von den enthusiastischen Reaktion meines Lehrers, schenke dem ganze aber keine weitere Beachtung, für die nächsten paar Minuten wird von mir keine Beteiligung mehr erwartet.
Meine Augen wandern zum Fenster auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes. Es regnet. Der Wind peitscht die Äste der Bäume durch die Luft. Ich schüttel mich und würde viel lieber vor dem Kamin sitzen und Kakao trinken, als meinem hilflosen Lehrer zuzusehen, wie er erfolglos versucht den Kurs zu motivieren...
Die Luft ist kalt, als ich sie einatme. Trotzdem ist mir warm, ich hätte meinen Schal doch zuhause lassen sollen. Aber jetzt ist es eh zu spät.
Ich schließe meine Augen und atme tief ein. Und aus. Ein. Aus. Ein. Aus. Ein. Aus.
Eine gefühlte Ewigkeit stehe ich einfach nur da und atme. Dann schlage ich meine Augen wieder auf und sehe nach oben. Die Sonne ist schon untergegangen, nur ein schwaches Leuchten am Horizont lässt erahnen, dass es sie überhaupt gibt. Der Himmel ist tiefblau, wie das Meer in tausenden Metern Tiefe. Und mittendrin in diesem Meer, da funkelt ein kleiner Stern.
Ich weiß nicht warum, aber ich stelle mir auf einmal vor, dieser Stern zu sein. Dort oben im Himmelsmeer zu schwimmen und vor mich hin zu glitzern. Für jeden sichtbar.
Und plötzlich weiß ich, dass es ganz genau so ist. Wir sind nichts anderes als Sterne, die um die Wette schillern. Jeder will heller strahlen, als der andere und vergisst dabei, dass das Strahlen aus dem Innersten kommt.
Ich atme noch einmal tief ein, dass reiße ich meinen Blick von dem kleinen Stern los, rufe meinen Hund heran und fange an zu renne. Ich renne und renne, einfach geradeaus. Mein Hund springt an mir hoch, ich falle hin, lande im Gras. Ich fange an zu lachen. Einfach so. Weil ich lebe. Und weil ich Stern bin.
Und weil du ein Stern bist.
Also fang an zu scheinen, zu glänzen, zu strahlen. Du kannst es. Sei der hellste Stern am Himmel.
"Mhh ja, also wir haben uns Pizza gemacht und dann haben wir uns nachher noch 'n Film geschaut und ehm..."
"Oh, der Wein ist aber lecker!" unterbricht mein Vater meine Erzählung von meinem gestrigen Mädelsabend.
"Jaa, das ist ein..." fängt meine Mutter an zu erzählen. Schon nach den ersten Wörtern hör ich nicht mehr zu. Ich senke meinen Blick, schaue in die Schüssel, die vor mir steht. Ich nehme meine Gabel und spieße ein Salatblatt auf. Ich schiebe es mir in den Mund und fange an mechanisch darauf herumzukauen.
Ist ja nicht so, als wäre es das erste Mal, dass ich mitten im Satz unterbrochen werde. Und dass sich dann keiner mehr für mich interessiert. Ich weiß plötzlich nicht mehr, warum ich überhaupt noch was erzähle.
Mein Kopf schaltet sich ab, ich höre nicht mehr, was um mich herum passiert. Nur mein Arm bewegt sich weiter, schaufelt mir alle paar Minuten etwas Salat in dem Mund.
Auf einmal fühle ich mich so unglaublich klein. Winzig. Und unbedeutend.
Unbedeutender als die kleine Fliege, die gerade vor meinem Kopf hin- und herschwirrt und mich langsam wieder in die Wirklichkeit zurück holt.
Aber das Gefühl bleibt.
Blah. Blah. Blah.
Irgendwie sind meine Gedanken ein einziges Chaos im Moment.
Ich will es schaffen, ich will hübsch werden, ich will dünn werden.
Aber ich schaff es nicht. Ich schaff es einfach nicht.
Ich mache einen Schritt vor und dann wieder einen zurück. So kann man nicht von der Stelle kommen.
Aber ich muss es schaffen. Ich will es mir einfach beweisen. Mir und allen anderen, die nicht an mich geglaubt haben. Ich will ihnen in die Augen sehen und sagen können: 'Und ich habe es doch geschafft!'
So schwer kann das doch nicht sein.