Montag, Oktober 3

# 6

Ich höre seinen Herzschlag. Ruhig und gleichmäßig, im immer gleichen Rhythmus; fast schon hypnotisierend.
Ich spüre seinen Atmen, warm und sacht, wie eine Feder. Er kitzelt meinen Hals, streicht durch meine Haare.
"Alles okay? Liegst du bequem?" flüstert er mir ins Ohr. Ich nicke und kuschel mich enger an seine Brust. Seine Hand wandert zu meiner Taille. Ich fühle, wie seine Finger über meine Rippen gleiten, über meine Hüften, über meinen Bauch. Ich dreh meinen Kopf zu ihm, mein Gesicht ist jetzt ganz nah an seinem. Er streicht mir eine Haarsträhne auf dem Gesicht. Zieht meinen Kopf noch näher an sich heran. Beugt sich ein Stückchen vor. Küsst mich. Lange.
"Ehh... du erinnerst dich aber dadran, dass du 'ne Freundin hast, oder?!" sage ich, als ich endlich meine Stimme wiedergefunden habe. Ich weiß, dass dieser Satz alles ist, außer passend, aber ich kann nicht anders.
Er macht keinen besonders betroffenen Eindruck als er mit leiser Stimme sagt: " Ohh, fuck! ... Würdest du es ihr erzählen?"
"Mhh. Nee, hätte ich ja keinen Grund zu.." antworte ich ihm und lege meinen Kopf wieder auf seine Brust. Ich kenne seine Freundin nicht. Aber verdient hat sie das bestimmt nicht.
Ich versinke in meinen Gedanken, seinen Herzschlag dröhnen in meinen Ohren. Ich bin verwirrt. Es ist nicht das erste mal, dass er das abzieht. Aber das erste Mal, dass er vergeben ist und mich küsst.
Ich hab keine Zeit mehr, darüber nach zu denken, will es auch eigentlich gar nicht. Warum auch immer, es ist eh jedes Mal das gleiche, immer wieder. Und ich habe es aufgegeben, mich zu wundern, mir Gedanken zu machen, mir Hoffungen zu machen, mich zu fragen, was das soll. Es ist einfach so. Er ist einfach so. Kopfzerbrechen bringt nichts, das weiß ich. Er will nichts von mir, außer jemanden zum rummachen. Ich will nichts von ihm. Alles gut, oder?
Nein. Ich bin wieder zuhause, über 500km von ihm weg. Und hier gibt's keinen, der mich in den Arm nimmt. Der mich fest hält. Der mich küsst. 
Ich fühle mich alleine. Als wär ich auf einer einsamen Insel gestrandet.


Donnerstag, September 29

# 5

Ich schließ die Haustür hinter mir, springe die drei Stufen der Treppe vor dem Eingang runter.
Ich setze einen Fuß vor den anderen, werde immer schneller, fange an zu laufen. Mir fällt auf, dass ich meinen MP3-Player in meinem Zimmer vergessen hab, aber das ist mir jetzt egal. Einfach weiter laufen.Schon nach wenigen Metern würde ich am liebsten umkehren, aber da ist etwas, was mich weiter treibt.  Ich laufe weiter, einen Berg hoch, in den Wald, weiter, über eine Wiese, wieder auf die Straße. Ich bleib kurz stehen, weil ich kaum noch Luft bekomme. Mein Mund ist total aufgetrocknet, meine Lungen schmerzen. Ich will weiterlaufen, aber plötzlich fühlen sich meine Beine so unglaublich schwach an. Ich habe das Gefühl, jeden Moment zusammen zu brechen, weiß nicht mehr, wie meine Beine mein Körpergewicht noch tragen könne. Ich zwinge mich wieder schneller zu werden, das Laufen fällt wieder leichter. Meter um Meter fallen alle Gedanken und Sorgen von mir ab, ich denke nicht mehr. Ich laufe nur noch; wie in Trance. Weiter, weiter, einfach immer weiter. 
Ich merke, dass mir schlecht wird. Aber ich bleib nicht stehen, ich lauf weiter. Die Stimme in meinem Hinterkopf drängt mich, nicht stehen zu bleiben. 'Wer essen kann, bis ihm schlecht wird, der kann auch laufen, bis ihm schlecht wir. Weiter!'
Ich bieg in meine Wohnsiedlung ein, rechts, links, über die Straße. Dann seh ich meine Straße. Ich werde schneller, immer schneller, sprinte die restlichen Meter. 
Mit zitternden Beinen lehne ich mich gegen dir Tür und warte, bis mir aufgemacht wird. Ich frage mich gerade, weshalb ich mit das alles eigentlich antue, da geht die Tür auf. Meine Schwester steht vor mir. 
"Hey. Du, dein H&M-Paket ist angekommen." begrüßt sie mich und beantwortet mir gleichzeitig meine Frage.



# 4



Ich fang an zu lachen. Erst ganz leise, dann immer lauter, unkontrollierter. Alle Leute um mich herum schauen rüber, gucken mich komisch an. Ich muss noch mehr lachen, es ist mir egal, was die anderen denken. Mein Bauch tut schon weh, aber ich höre nicht auf zu lachen. Das Bild verschwimmt vor meinen Augen. Vorsichtig wische ich die Tränen ab, um meine Schminke nicht zu verschmieren. 
Langsam bekomme ich mich wieder unter Kontrolle, lache leiser und hör schließlich auf. Ich seh mich um, bemerke, dass auch meine Mädels erst jetzt wieder aufhören konnten zu lachen. Ich schüttel meinen Kopf und fang wieder an zu grinsen. Gerade denke ich noch, dass ich nicht mehr ohne meine Freundinnen leben könnte, da lachen sie schon weiter, stecken mich an bis auch ich kaum noch Luft bekomme vor Lachen. ♥





Mittwoch, September 28

# 3

"Oh mann, ich hab meine Gegenstände vergessen!" fällt mir mitten in der Pause ein.
Meine Freundinnen gucken mich verwirrt an. "Was für Gegenstände?"
"Jaa, wir sollten für Kunst drei Gegenstände mitbringen, die uns charakterisieren. Und die sollen wir dann zeichnen..." erkläre ich.
"Achsoo. Mhh. "
Ich rede weiter, hab das Gefühl, dass keine meiner Freundinnen mir zuhört.  "Ich weiß nicht mal, was ich hätte nehmen sollen. Ich mein, was für Gegenstände charakterisieren mich denn bitte?!"
Trotzdem ich nicht damit gerechnet habe, bekomme ich direkt eine Antwort von einem meiner Mädels. 
"Joaa. Alsooo... vielleicht eine Tafel Schokolade, eine Sahnetorte... mhh. Und 'ne Kette?"
Ich lache, zusammen mit allen anderen, auch wenn ich mich am liebsten umdrehen und weglaufen würde.